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Dienstag, 28. Juli 2015

Stüken-Wesergold-MTB-Cup in Rinteln

Nach dem ersten rennfreien Wochenende nach fast drei Monaten, an dem ich schon ernsthafte Entzugserscheinungen gezeigt habe, ging es an diesem Wochenende zum XC-MTB-Cup nach Rinteln. Nachdem ich im letzten Jahr dort ein super Rennen fahren konnte, freute ich mich besonders auf das Event an der Weser. Da es kaum ein Rennen gibt, dass so zuschauerfreundlich und zentral ist, machten sich am Sonntag Morgen sogar zwei Autos aus dem heimischen Dorf auf den Weg zum Stüken-Wesergold-Cup.

Als wir kurz vor Mittag den zentral gelegenen Marktplatz, das Zentrum des Geschehens, erreichten, waren die Unwetter des Vortages vergessen und die Sonne zog alle Zuschauer in die zahlreichen Cafes und Restaurant nach draußen. Meine Eltern suchten sich einen Platz mit Blick auf die Strecke und konnten so die Zeit bis zu meinem ersten Start problemlos mit Kaffee überbrücken. Während wir uns auf den Weg zur Nennstelle machen, nehmen wir schon einmal die ersten Hindernisse der Strecke in Augenschein. Der Kamelbuckel auf der Startgeraden ist einer kleineren Rampe gewichen und die große Rampe an der Kirche ist auf die andere Seite gewechselt. Viele Fahrer sind bereits dabei sich mit der Streckenführung vertraut zu machen und immer wieder fliegen wohlbekannte Eulenfahrer vorbei. Während wir auf unsere Nennung warten, treffen wir auf viele bekannte Gesichter, viele Umarmungen und viele Spekulationen über die beste Taktik auf der engen kurvigen Strecke. Ich ertappe mich dabei, wie ich allmählich unruhig werde. Ich will nun auch endlich aufs Bike und die Strecke testen. Als wir endlich die Startnummern in der Hand haben, joggen wir zügig zu unserem „Begleitfahrzeug“ zurück. Schnell umziehen, Baby auspacken und schon geht es auf die Strecke. Der Großteil des Rennens spielt sich rund um den Stadtpark in Rinteln ab. Klingt wenig spektakulär, ist aber dank zahlreicher sehr enger Kurven, kurzer Anstiege und kurzer Trailstücke nicht zu unterschätzen. Ich fahre die Strecke zweimal flüssig ab und treffe gerade rechtzeitig wieder am Start ein, um auf den geballten Rest meines Teams zu treffen. Gemeinsam feuern wir die kleinsten Vereinsmitglieder an, die ein super Rennen fahren. Ich bin immer wieder total fasziniert, wie gut fünfjährige Kinder mit ihren Rädern umgehen können und so ein Rennen meistern. Viel schneller als geplant ist es für uns Zeit, sich in den Startblock einzuordnen. Im Hauptrennen starten die Altersklassen jeweils eine Minute versetzt, sodass ich nicht nur im ersten Startblock, sondern dort auch noch in der zweiten Reihe stehe. Da es auf der engen Strecke wenig Möglichkeiten zum Überholen gibt, muss auf jeden Fall ein guter Start her, um aus dem Gröbsten raus zu sein. Noch 10. Einatmen, einklicken, ausatmen, Start. Ich erwische einen wirklich guten Start, komme problemlos über die erste Rampe, lege mich voll in die erste Kurve und kann vor der engen Einfahrt in den Stadtpark noch einige Fahrer überholen, sodass ich als 5. Fahrer überhaupt den Wall erreiche. Doch da passiert es. Ich kann das Zischen hören und spüre, wie der Widerstand an meinem Hinterrad zunimmt, doch ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass das jetzt ernsthaft mein erster Platten bei einem Rennen sein soll. Doch ich muss anhalten und es ist wirklich nicht zu übersehen: mein Hinterreifen ist platt. Ich sehe Dirk ein paar Meter weiter die anderen anfeuern und renne hysterisch auf ihn zu, dann rennen wir samt meinem Rad zu seinem Auto, welches Gott sei Dank nur 50 Meter abseits der Strecke geparkt ist. Dirk kann mir einen 26er Schlauch leihen und beginnt zügig und konzentriert meinen Schlauch zu wechseln, während ich völlig desillusioniert zusehen muss, wie alle anderen Fahrer ihre Runden über den Wall drehen. Inzwischen haben sich auch mein Vater und mein Freund den Weg zu mir gebahnt und versuchen mich zu trösten. Dirk hat inzwischen bereits mein Rad wieder zusammengesetzt und ich beginne die Aufholjagd. Ich gebe wirklich alles, knalle mit blockierten Bremsen um die engen Kurven im Stadtpark und lasse den Wall hinter mir. Kette rechts, zurück in die Innenstadt. Ich kann einige Fahrer auf der langen Geraden überholen, bis schließlich die zwei kleineren Rampen in Sicht kommen, wo ich das Tempo rausnehmen muss um nicht aus der Kurve zu fliegen. Als ich schließlich die Rampe an der Kirche erreiche, habe ich zumindest alle meine direkten Konkurrentinnen wieder eingeholt und liege, als ich die erste von sechs Runden beende, wieder auf Platz 1. Ich bin wieder versöhnt mit der Welt und erreiche den Stadtpark, fahre zügig durch die Kurven und habe kurz darauf Mühe, mein Bike an der nächsten Kurve stabil zu halten. Was ist denn da los? Das kann doch nicht sein. Ich gebe noch mehr Druck auf die Pedale und muss mit einem Blick nach unten feststellen: Mein Hinterrad ist platt.
Das Bild sagt eigentlich alles über mein Einzelrennen aus...
Mit zusammengepressten Lippen und mühevoll zurückgehaltenen Tränen verlasse ich die Strecke und treffe wieder auf Dirk, der genauso fassungslos ist wie ich. Doch wieder animiert er mich zum Weitermachen, wir joggen zu seinem Auto, doch jetzt heißt es flicken. Während Dirk kurz und fachkundig meinen Vater und meinem Freund erklärt, was jetzt zu tun ist, stehe ich einfach nur da und sehe den anderen Fahrern bei ihrem Rennen zu. Gemeinsam wird mein Schlauch geflickt, mein Hinterrad wieder eingesetzt und der Schnellspanner geschlossen. Inzwischen wurde die letzte Runde eingeläutet und ich habe nur noch ein Ziel: diese Runde beenden und die Ziellinie erreichen. Wieder auf die Strecke. Diesmal komme ich nicht einmal eine Runde weit, schon an der nächsten Ecke ist Schluss, denn: Mein Hinterreifen ist platt. Ich weiß inzwischen nicht mehr ob ich lachen oder weinen soll, doch schließlich siegt dann doch der Kampfgeist und ich renne los. Mit meinem Rad in der Hand jogge ich den Wall hoch, den Wall runter, über die Rampen und erreiche schließlich das Ziel. Die anderen Eulen nehmen mich in Empfang und Timo nimmt sich sofort meinem Plattenproblem an. Wir „wandern“ zu seinem Auto, nehmen in aller Ruhe nochmal mein Hinterrad auseinander, tasten den Mantel nach Fremdkörpern ab und begutachten den Schlauch. Wir haben wohl in dem Stress der Rennsituation ein zweites, deutlich kleineres Loch einfach übersehen. Auch Timo gehört noch zu den wenigen Fahrern, die dem 26er Laufrad treu geblieben sind, und kann so mit einem neuen Schlauch aushelfen. Wir nehmen uns diesmal mehr Zeit und ich bekomme eine weitere fachkundige Anleitung zum Schlauchwechsel.

Als wir fertig sind machen wir uns auf den Weg zurück zum Marktplatz, wo die Siegerehrung bereits begonnen hat. „Jetzt zur Siegerehrung der Damen. Auf dem dritten Platz: Evelyn Behre vom MTB Eulenexpress!“ Was?? Ich bin trotz drei Platten, 2 km Joggen und ganzen 7 km in 50 Minuten nicht die Letzte? Keine Zeit für weitere Überlegungen, ich schwinge mich auf mein S-Works, bahne mir den Weg durch die zahlreichen Zuschauer und nehme, wenn auch mit nicht ganz überzeugtem Lächeln, meine Urkunde entgegen.

Insgesamt sind heute 17 Eulen aller Altersgruppen am Start und als wir uns dann alle gemeinsam über den Kuchen hermachen und in der Sonne auf den Start des Teamrennens warten, ist es einfach eine tolle, fast familiäre Atmosphäre, auch wenn ich einige zum ersten Mal persönlich treffe. Mit unserer geballten Eulenpower wollen wir nun das Teamrennen rocken, denn wir sind mit drei „Fischteichhöllen“-Teams am Start und haben Großes vor. Ich habe mich inzwischen wieder soweit gefangen, dass ich Witze über mein Pech machen kann und das Lachen wieder ausgelassener ausfällt. Trotzdem haben wir unser Team auf vier Fahrer erweitert, denn die drei schnellsten werden gewertet. So will ich vermeiden, dass ich mit einem weiteren Defekt die Chancen für mein Team zerstöre.

Wir wechseln die Startnummern und machen uns, fast eine Stunde vor Rennstart, auf den Weg in den Startblock. Wieder stehe ich, diesmal in mitten von den anderen Eulenfahrern, in der zweiten Reihe. Diesmal ist das Gedränge im Startblock größer, es wird mehr geschoben, die Stimmung ist deutlich angespannter. Kampfansagen fliegen durch die Luft, Blicke werden getauscht, Teamtaktiken besprochen.
Der Start ins Teamrennen
Die Taktik der „Fischteichhölle 2“ ist ebenso einfach wie einprägsam: Drei Runden Kette rechts und volle Power.  Ich bin mittlerweile schon erschöpfter als nach einem Marathonrennen und habe nichts mehr zu verlieren, dementsprechend entspannt bin ich als der Countdown gestartet wird. Der Startschuss fällt und wieder komme ich gut durch die Startzone, die erste Rampe und auf geht’s in den Stadtpark. Diesmal läuft es einwandfrei. Wall hoch, Wall runter, Trail hoch und dann Power auf der Straße zurück in die Innenstadt. Die Rampen hoch, die Rampen runter, Kette rechts und die erste Runde ist vorbei. Noch kann ich meine Führung bei den Frauen behaupten, doch ich habe Moni und Kathrin an meinem Hinterrad und muss ganz schön kämpfen. Aber es macht einfach Spaß!
Endlich wieder fahrend!

Kurz vor dem Ende der zweiten Runde überholt mich Moni und zieht uns mit sich. Die dritte Runde bricht an, jetzt noch einmal alles geben. Ohne Probleme am Wall sprinten Kathrin und ich Seite an Seite durch die Innenstadt, knallen gemeinsam die steile Rampe hinauf und um die letzte Kurve. Im Zielsprint überholt mich Kathrin dann doch, meine Waden brennen und ich bin vermutlich erschöpfter als nach einem normalen Marathonwettkampf, trotzdem ist das Gefühl im Zieleinlauf super. Wir Eulen feiern uns noch ein wenig gegenseitig, dann werden auch schon die Ergebnisse ausgerufen. Unsere Teams liegen auf Platz 3, Platz 4 und Platz 7. Moni gewinnt vor Kathrin und mir die Einzelwertung, und als wir gemeinsam das Podium erklimmen und uns noch einmal feiern lassen, ist mein Lachen auch wieder echt.















Am Ende machen wir uns mit zwei Bronzemedaillen auf den Weg nach Hause. Klar hatte ich mir mehr erhofft von diesem Rennen, aber zum Radsport gehört eben neben der körperlichen Leistung auch immer die Technik. Ich hatte in dieser Saison so viel Glück mit meinem Rad, das mich quasi immer defektfrei ins Ziel gebracht hat! Defekte gehören nun mal dazu, auch wenn es sehr ärgerlich ist. Trotzdem hatte ich einen tollen Tag mit meinem Team, die Stimmung war einfach unbeschreiblich! Danke an dieser Stelle nochmal an Dirk, der fast seinen Start verpasst hätte, weil er mir geholfen hat und Timo, der sich am Ende nochmal so viel Zeit für mein Rad genommen hat.
Die Renntage mit euch sind immer etwas ganz Besonderes!

Danke auch an meine Eltern, die extra mitgefahren sind und mich dann wie immer tatkräftig unterstützt haben, heute in Form von zahlreichen Mechanikereinsätzen.

Und danke an meinen wunderbaren Freund, der heute so manchen Kilometer mit mir gelaufen ist, meine Achterbahnfahrt der Stimmung mitgemacht hat und einfach alles getan hat, damit ich weiterfahren kann.

Nächstes Wochenende steht der Marathon in Bischhausen an, diesmal allerdings mit Flickzeug, Schlauch und Luftpumpe im Gepäck. Man weiß ja nie.


Keep calm and ride on,


Evelyn



 Zitate des Tages:

-"Und da kommt die Titelverteidigerin! Oh, heute zu Fuß!"


-"Das ist mein selbstgemachtes Energie-Gel aus Espresso und Honig.
- Ah ja cool, bei mir schlägt Kokain auch immer sofort an!"







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