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Freitag, 4. September 2015

Endurothon in Schierke - Der Sprung ins Unbekannte

Samstag, 04:55 Uhr: Der Wecker klingelt. Wie kann das sein? Wieso sollte ich bitte mitten in der Nacht aufstehen wollen? Das kann doch nicht mein Ernst sein. Als ich mich gerade umdrehen will, selbstverständlich um weiter zu schlafen, fällt mein Blick auf meine gepackten Sporttaschen und mein rotes Specialized-Trikot. Ach ja, da war ja was. Renntag.

Punkt 6 Uhr sitze ich dann doch mehr oder weniger wach im Auto und mache mich auf den Weg nach Schierke. Nach einigem hin und her in der vergangenen Woche habe ich mich doch zum Start beim „Endurothon“ entschieden, auch oder gerade weil die Ausschreibung bewusst etwas einschüchternd bzw. herausfordernd gestaltet ist. „Endurothon“ klingt davon abgesehen eigentlich nicht nach einem Rennen für eine Marathonspezialistin oder für ein 26er S-Works Hardtail, aber die breite Auswahl an Strecken hat mich dann doch ermutigt. Neben zwei „Heavy“ Strecken, wo man mit einem Fully bestens beraten ist, werden auch zwei weitere Strecken angeboten, die auch ohne Vollfederung zu bestreiten sind.

Nach über zwei Stunden Fahrt, die erst durch die Dunkelheit, dann durch den Nebel und schließlich durch den wunderschönen Nationalpark Harz führt, erreiche ich schließlich den kleinen Ort Schierke. Hier scheint bei kühlen acht Grad bereits die Sonne und von der Aufregung, die ein Rennevent immer mit sich bringt, lässt sich der Touristenort nicht weiter stören. Zu Fuß mache ich mich auf dem Weg zum Kurpark, dem heutigen Zentrum des Geschehens. Überall im Ort begegnen mir Hexen, Luchse und der Schierker Feuerstein, der Harz hat irgendwie seine ganz eigene Magie.
 
Bei der Nachnennung geht es zu wie im Bienenstock und es dauert lange, meistens wegen Menschen wie mir, die sich erst am Freitag Abend zu einem Start entscheiden, bis ich mich mit meiner Startnummer und meinem Startpaket auf dem Weg zurück zum Auto mache. Schnell umziehen, kurz in dem dünnen Trikot frieren, und dann ab aufs Rad. Auf dem Weg zum Startbereich treffe ich die üblichen Bekannten, darunter die anderen Eulen, und wie immer ist die Freude riesig, einen Renntag miteinander zu verbringen. Und als um halb zehn der Startschuss für die „Heavy“Strecken fällt, jubeln wir Marko, Dirk, Timo und Olaf schon einmal ordentlich zu. Für Marie geht es heute auf die „Medium“ Strecke, während Bene und ich die 33 km lange Kurzstrecke in Angriff nehmen. Da es mir heute ein bisschen am nötigen Rennfieber fehlt und ich die Höhenmeter im Harz mit schmerzenden Beinen kennen gelernt habe, halte ich die schnelle Kurzstrecke für angemessen. Außerdem habe ich nach den jüngsten Berichten von der Strecke doch etwas Angst um mein Bike bekommen.

Um 10 fällt der Startschuss für uns und ich kann mich mit einem zügigen Start aus dem größten Gedränge raus halten. Es geht durch den Kurpark hinein in das Zentrum des Ortes, über eine Fußgängerbrücke und dann erst einmal nur noch berghoch. Das Feld zieht sich erwartungsgemäß an der ersten Steigung bereits stark auseinander, sodass ich ohne Probleme mein Tempo finden kann. Nach einer kurzen flachen Passage geht es zur ersten Streckenteilung, wo sich das Feld wieder staut. Was bin ich nochmal? Achja, blaue Strecke, also auf in den ersten, leicht ansteigenden Trail. Und der hat es in sich! Ich riskiere einen kurzen Blick nach vorne und sehe keinen Weg, nur nasse Wurzeln und große Steine. Schaff ich das? Kurzer Blick nach hinten, Blick nach vorn – wir fahren direkt hintereinander, ich hab also keine Wahl wenn ich nicht das ganze Feld aufhalten will. Erstaunlicherweise bringe ich das Stück sauber und ohne Probleme hinter mich, immer auf das Hinterrad meines Vordermanns konzentriert. Ich passiere auch die nächste Streckenteilung, an der die erste Verpflegung bereit steht. 

Als nächstes wartet der Plattenweg, der im Vorfeld immer wieder Gesprächsthema gewesen ist. Die breiten Fahrspuren bilden Betonplatten, auf denen ziegelsteingroße Auslassungen in Karoform angeordnet sind. Ich ziehe auf den grasbewachsenen Mittelstreifen, doch als sich in der Mitte eine immer tiefere Furche bildet, wechsele ich doch wieder nach außen. Und jetzt heißt es entweder sich schön durchrütteln lassen, was das bergauf treten nicht einfacher macht, oder sauber zwischen den Löchern balancieren. Auch im Sinne meines Bikes entscheide ich mich für die zweite Möglichkeit. Irgendwann ist der Plattenweg dann aber doch zu Ende und es geht über lange Trailabfahrten wieder abwärts, bis wir auf einer Schotterpiste auf einer unbeschilderten Kreuzung stehen. Und jetzt? Wir entscheiden uns geradeaus zu fahren, bis wir 300 Metern unterhalb der Kreuzung dann die ersten Rufe hinter uns hören. Mist, falsch abgebogen, das hat Zeit gekostet!
Über einen schmalen Weg kommen wir schließlich wieder in Schierke an, ein kurzes Stück Straße und dann zeigt der Wegweiser rechts runter in den Wald. Ich verlangsame mein Tempo kaum, in Erwartung eines Trails, und sehe mich einer Treppe gegenüber. Ich schaffe es gerade noch, mein Gewicht nach hinten zu werfen und mich in Balance zu bringen, dann liegt der Kurpark auch schon vor mir. Einige Schleifen noch, dann passiere ich das erste Mal die Zeitnahme. Eine Runde geschafft, noch zwei zu absolvieren. Ich ziehe das Tempo am Berg etwas an und kann eine schnellere Gruppe Fahrer erreichen, die mich bis zum Plattenweg mitziehen, dann trennen sich unsere Wege und ich bin wieder auf mich allein gestellt. Diesmal kenne ich aber den Weg und zögere an der Kreuzung nicht, was diesmal allerdings auch nicht nötig gewesen wäre, denn nun steht ein Streckenposten bereit. „Hast du dich eben hier auch verfahren?“ ruft er mir entgegen. „Jap“. „Oh man, das tut mir echt leid“!

Kurz vor der Treppe bremse ich scharf ab und zögere ein bisschen zu lange, sodass ich mich gerade noch abfangen kann und zu Fuß den „Chickenway“ neben der Treppe nehme. Wie ärgerlich! Ich weiß doch, dass ich das kann. Manchmal ist der Sprung ins Unbekannte besser als zu viel nachzudenken. Ich gebe im Kurpark nochmal Gas und gehe kurz darauf in die letzte Runde. Erst als ich zum dritten Mal den Plattenweg erreiche begegne ich der erste Frau, die mir allerdings erklärt, dass sie noch eine ganze Runde vor sich hat. Gemeinsam bezwingen wir die letzten Meter am Berg bevor es in die Abfahrt geht. Seltsamerweise ist es auch das erste Mal in diesem Rennverlauf, dass ich mir Gedanken um die Konkurrenz und eine Platzierung mache. Die Begegnung hat meinen Ehrgeiz dann doch noch aktiviert und so sprinte ich, sobald ich wieder festen Untergrund unter den Reifen habe, Richtung Kurpark. Jetzt nicht zögern, nicht nachdenken, Bremse los, Gewicht nach hinten und die Treppe ist geschafft. Noch einmal alles geben und dann überquere ich auch schon die Ziellinie. Ich lasse mich ein Stück ausrollen und werde an der Zielverpflegung bereits von einigen anderen Eulen erwartet. Gemeinsam erfragen wir bei der Zeitnahme unsere Ergebnisse und ich darf mich über den Gesamtsieg auf der Kurzstrecke freuen.

Nachdem wir uns umgezogen und aklimatisiert haben positionieren wir uns wieder im Zielbereich, um auf die Langstreckler zu warten. Ich verschenke mein Energiegel an einen Langstreckenfahrer, der noch eine Runde vor sich hat, und mit einer 1A-Eulen-Laola-Welle wird Olaf kurz darauf im Ziel begrüßt.

Der „Endurothon“ an sich ist die Anfahrt auf jeden Fall wert gewesen. Die Strecke ist keine typische Marathonstrecke, aber die Höhenmeter und vor allem die technischen Trails sind auf jeden Fall etwas ganz Besonderes. Trotz der zuerst fehlenden Wegmarkierung war die Organisation sehr gelungen und die Stimmung war super. 
Ich habe meinen Rennmodus und Ehrgeiz heute leider erst auf den letzten Metern gefunden, Spaß gemacht hat es aber allemal. Meine Rennmaschine hat wieder einmal bewiesen das Specialized S-Works echte Alleskönner sind, trotzdem bin ich froh es in einem Stück wieder mit nach Hause nehmen zu können.

„Wir sind stolz auf dich. Ruhm und Ehre mögen dich auf deinen Wegen begleiten“, so steht es auf meiner Urkunde.

Love what you do and do what you love,

Evelyn



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