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Montag, 29. Juli 2019

12 Stunden EM am Ammersee: Wir sind Europameister!

Um das Sommerloch sinnvoll zu füllen, komme ich von Jahr zu Jahr auf verrücktere Ideen. Als ich vor rund vier Wochen das Internet nach potentiellen Rennterminen durchforstete, weckte eine Veranstaltung mein besonderes Interesse. Oder viel mehr – ich brannte bereits mit Lesen der Ausschreibung dafür: 12 Stunden Europameisterschaft in Dießen am Ammersee. Es gibt ja diese Dinge, über die man zwar vorgaukelt noch einmal nachdenken zu wollen, sich innerlich aber schon längst entschieden hat. Die vielen  positiven Erinnerungen an das letztjährige 12 Stundenrennen in Külsheim stimmten mich positiv in der Annahme, dass wir nun auch bereit für eine Europameisterschaft sind. Apropos WIR – mein Plan war natürlich ein Start im 2er-Mixed-Team, gemeinsam mit meinem Lieblingsmenschen. Bietet sich ja schließlich mehr als an. Und genau diesen musste ich zunächst in meinen gefassten Plan einweihen und dann ein wenig Überzeugungsarbeit leisten. Ich hatte ihn aber schnell mit im Boot, denn mir kann man nur schwer einen Wunsch abschlagen – und zack brannten wir beide für das Event!

Ein solches Ereignis bedarf einer gründlichen vorherigen Planung: Verpflegung, Material, Ausstattung, Renneinteilung und so weiter. Letztlich sah es am Abreisetag eher so aus, als wollten wir zu einer mehrwöchigen Expedition aufbrechen, statt zu einem Rennwochenende am Ammersee. Um in der Ferienzeit Engpässe und Staugefahren auf der Autobahn zu vermeiden, nutzen wir die frühen Morgenstunden des Rennvortages für unsere Anreise. Bei prallem Sonnenschein und über 40 Grad im Schatten erreichten wir relativ zügig unser Ziel mitten im platten bayrischen Land. Wir gehörten zu den ersten Teams, die das Renngelände bezogen. Somit konnten wir uns den einzigen Schattenplatz des gesamten Areals unter einem großen Baum sichern und dort unser Fahrerlager aufschlagen. Der Standort war eine echte Oase: Direkt an der Wechselzone gelegen, Schatten den ganzen Tag, ein Bachlauf mit eiskaltem Wasser vor unseren Füßen und der Toilettenwagen in direkter Nachbarschaft. Da hat der frühe Vogel einen wirklich fetten Wurm gefangen!

Eine kurze Vorbelastung nutzen wir dazu, den Körper zu aktiveren und uns die Strecke anzusehen: 7,5 Kilometer, rund 140 Höhenmeter, holprige Wiesestücke, zwei knackige Schotteranstiege, ein toller Trail im Wald, ein fieses Drückerstück auf Teer und eine flowige Wiesenabfahrt. Für 12 Stunden im Sattel ein strammer Kurs. Eher nicht bergfahreraffin, aber da musste ich nun durch. Der Tag klang entspannt und erfrischend am Ufer des Ammersees aus.


Nach einer  - der Aufregung und Steckmückenarmada geschuldeten – unruhigen Nacht, hieß es am Samstag dann endlich RACEDAY! Und zwar ein sehr langer. In 12 Rennstunden kann man wirklich alle Höhen und Tiefen einmal durchfahren. So ein Rennen ist nicht nur Formsache, sondern vor allem auch Kopfsache.

Stunde 1
Meinem Lieblingsmenschen gehört die erste Runde, damit er sich eine gute Ausgangsposition erarbeiten kann. Ich warte aufgeregt in der Wechselzone und freue mich auf meine erste Runde des Tages. Diese bringe ich schnell hinter mich (die schnellste Frauenrunde des Tages, wie ich später erfahren werde) mit eigentlich viel zu viel Watt für einen so langen Tag.

Stunde 2
Auch die nächsten beiden Runde gehe ich sehr schnell an. Ich kann mich einfach nicht zurückhalten, auch wenn ich die vielen Stunden, die noch vor mir liegen, vor meinem inneren Auge habe. Aber Pacing ist eben nicht so meins. Doch ich fühle mich gut und überhole permanent andere Fahrer. Die Strecke macht wirklich mehr Spaß, als ich nach meinem ersten Eindruck erwartet hatte.

Stunde 3
Ich erfahre von den Betreuern im Nachbarzelt, dass wir bei den Mixed-Teams mit einer Runde Vorsprung in Führung liegen. Selber hatte ich mich noch nicht getraut, auf die Ergebnislisten zu schauen, weil es mich vielleicht verunsichert hätte.

Stunde 4
Puh, noch acht Stunden. Das ist eine ewig lange Zeit. Ich werde laufend über den aktuellen Zwischenstand informiert. Die gute Nachricht: Unser Vorsprung wächst weiter. Wir behalten unsere Taktik bei, nach jeder Runde zu wechseln. Das heißt somit: 17-18 Minuten Vollgas geben und die gleiche Zeit als Erholung zu haben.

Stunde 5
Im Hinblick auf die unfassbar hohe Zahl an verbrannten Kalorien, die mir mein treuer Garmin anzeigt, verbringe ich meine Pausen damit, permanent zu Essen. Denn ein Hungerast wäre das letzte, was wir jetzt gebrauchen können. Der Körper benötigt ununterbrochen neue Energie.

Stunde 6:
Halbzeit! Ab jetzt wird rückwärts gerechnet, das ist mental gesehen extrem gut für den Kopf. Leider hat sich ein kräftiger Regenguss mit einem kurzen Gewitter über uns entladen. Nach zwei Nassen Schlammrunden bricht die Sonne aber wieder durch und die Strecke trocknet recht schnell ab. Glück gehabt.

Stunde 7
Schnell in trockene Rennkleidung geschlüpft und weiter geht es. Noch immer fahre ich die Runden sehr flüssig, konstant und mit ordentlichem Druck. Ich horche in mich hinein und hoffe, dass kein Einbruch kommt. Immer wieder schaue ich auf meine Rundenleistungen und meine Leistungswerte. Realistisch gesehen, kann ich diese nie und nimmer noch weiter durchziehen, aber ich probiere es trotzdem!

Stunde 8
Der ständige Blick auf die Uhr und die Zeit scheint stillzustehen. Mittlerweile habe ich Probleme, meine Pausenzeiten auszurechnen, um wieder rechtzeitig in der Wechselzone zu stehen. Ich bin wie im Tunnel und blende alles weitere aus.

Stunde 9
Wir liegen nun mit 3 Runden Vorsprung in Führung. Zum ersten Mal blitzt der Gedanke auf, dass der Europameistertitel tatsächlich Realität werden kann. Ich kriege kurz Gänsehaut. Der Gedanke daran beflügelt mich noch einmal und ich ziehe mein Tempo weiter durch.

Stunde 10
Das „All-you-can-eat“-Ernährungskonzept scheint aufzugehen, mein Körper hat noch immer Energie. Essen, trinken, abkühlen mit frischen Bachwasser und fahren – ein ewiger Kreislauf.



Stunde 11
Wir haben 4 Runden Vorsprung, wenn jetzt kein Defekt oder Sturz mehr passiert, ist uns der Sieg sicher. Ich genieße die letzten Runden. Wir ruhen uns jedoch nicht auf dem Vorsprung aus, sondern geben weiter alles!

Stunde 12
Noch 1 Runde. Ich kann noch gar nicht glauben, dass es gleich geschafft ist. Ein letztes Mal über die fiese Wiese, den Anstieg hoch, über den Trail – auf dem ich nunmehr jede einzelne Wurzel kenne – über den Teer hinab in den Start-Ziel-Bereich. Ein letzter Fahrerwechsel. Ich bleibe im Zielbereich hocken und warte auf meinen Lieblingsmenschen. Und dann 20 Uhr. Ende. Wir haben gewonnen! Mit 40 Runden haben wir uns im 2er-Mixed-Team den Europameistertitel geholt. Zwölf harte Stunden liegen hinter uns. Ein Wimperschlag und Lichtjahre zu gleich. Ich bin einfach nur unfassbar glücklich und kann noch nicht realisieren, was heute passiert ist. Der Tag war ein kräftezehrendes, aber einzigartig schönes emotionales Großereignis. Ein harter Kampf gegen sich selbst, aber vor allem ein gemeinsamer Kampf. Alleine gewinnen ist schön, aber so etwas zusammen zu schaffen, ist unbeschreiblich! Danke Lieblingsmensch! Danke für alles.







Wie sagt man so schön: Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus – aber sie ziehen auch welche nach sich. Nächste Woche reise ich zum Trainingslager nach Österreich, wo nach einer etwas ruhigeren und  erholsameren Woche dann das Bergzeitfahren in Kitzbühel auf dem Programm steht.
 

Ich freue mich und ihr hört von mir!
Bis dahin: Keep on riding,

Vanessa

Zitate des Tages:

“Wo kommt den aus den Oberschenkeln die ganze Kraft her?!”

„Puh ja für eine Frau bist du ganz schön schnell.“

„Ihr seid aber zu viert oder?“

                „Nee zweier Mixed!“

                                „Du großer Gott!"
 „Ich muss das mit den Fingern nachrechnen, mein Kopf ist leer.“

Kommentare:

  1. Herzlichen Glückwunsch an Euch Zwei. Das sind Erlebnisse die ein paar so schnell nicht vergisst.

    #RESPEKT

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  2. Hi ihr beiden, Glückwunsch zur EM und ein toller Bericht. LG Jan

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