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Freitag, 3. Juni 2016

Viva Willingen! - Das Bikefestival in Willingen (von Evelyn)

Nachdem ich schon im letzten Jahr das bestechende Flair des Bikefestivals in Willingen genießen konnte stand dieser Termin auch in diesem Jahr wieder auf meinem Rennplan. 
Und nach fast einem Monat ohne Startnummer am Lenker war es auch mal wieder Zeit ins Renngeschehen einzugreifen.
Denn die Wochen davor hatten sich für mich schwierig gestaltet. Statt Kilometern oder Höhenmetern sammelte ich fleißig Taschentücher, statt Shakes gab es Tee und statt Training nur das Sofa: eine Mandelentzündung hatte mich niedergestreckt und forderte nun absolute Ruhe. Doch die Woche vor dem besagten Wochenende durfte ich wieder ins Training einsteigen. Leider muss ich bereits  am ersten Anstieg feststellen: es läuft noch nicht wieder so richtig. Ich verschob den Trainingsstart also auf die Woche nach dem Bikewochenende in Willingen und schonte meinen Körper im Hinblick auf den Marathon am Samstag.

Und am Freitagnachmittag ging es dann auch endlich los. Zusammen mit meinem Lieblingsmenschen, meinem geliebten Bike und acht bis zehn Taschen lebenswichtigem Equipment machten wir uns auf den Weg ins Sauerland. Erster Halt: unser heutiges Quartier, die Jugendherberge in Brilon. Einchecken, die Information zur Kenntnis nehmen, dass die Räder in den offen zugänglichen (!!!) Trockenraum kommen, überzeugend lächeln und denken: das werden wir ja sehen.

Der nächste Halt ist dann Willingen. Wieso wir nicht in Willingen nächtigen? Weil ich mich wohl doch etwas spät um eine Unterkunft bemüht habe. Woher sollte ich denn wissen, dass es so viele Biker nach Willingen zieht? Achso, war offensichtlich.

Den Nachmittag verbringen wir auf dem abwechslungsreichen Expogelände.  Wir holen mein Starterpaket und meine coole Startnummer ab, sichten den umfangreichen Inhalt und machen uns dann auf die Suche nach Schnäppchen. Am Ende habe ich zwar immer noch keine Powergels und –riegel, dafür aber neue Handschuhe und eine neue Racebrille. Läuft doch. 






Der nächste Punkt auf meiner Liste ist die Eindeckung mit Nahrungsmitteln für das morgige Campingfrühstück. Im Supermarkt, der praktischerweise nur über die Straße gelegen ist, sind heute Biker jeder Liga anzutreffen. Marathonfahrer mit Quark und Haferflocken. Enduro-Fahrer mit Energydrinks und Chips. Downhillfahrer mit Alkohol und Grillgut. Ich werde prompt darauf hingewiesen, dass Schokocrossaints ungesund sind. Sehe ich selbst mit Flatcap, schwarzer Sonnenbrille und Kettenwixe-Tshirt so sehr aus wie ein Marathon-Streber?
Einen Gang weiter treffen wir uns wieder. Er bei der Sauce Hollondaise, ich mit Weintrauben. Und so fängt er sich einen Spruch zum Thema Kalorien- und Fettreserve ein, allerdings mit dem selben Augenzwinkern wie er zuvor bei mir.

Es geht zurück nach Brilon, wo wir uns in einer Pizzeria für den morgigen Tag stärken. Dabei werden minutiöse Pläne geschmiedet, die allerdings einen Haken haben: wie man es dreht und wendet, um 04:30 muss der Wecker klingeln. Mit diesem Hintergedanken sind wir früh zurück in unserer Jugendherberge, wo ich allerdings erleichtert feststelle, dass die Rezeption schon nicht mehr besetzt ist. Also ab das Bike aus dem Kofferraum holen und die Treppen hoch tragen, bis in den dritten Stock. Dem Himmel sei Dank für Carbon.

Nach einer kurzen Nacht in einem für zwei Personen sehr engen Bett, dafür aber mit Blick auf mein Bike, raffen wir uns am morgen dann wirklich auf. 04:30 Uhr aufstehen, 05:00 Uhr los fahren, 05:17 Uhr Ankunft. So richtig wach bin ich immer noch nicht, aber in 1,5 Stunden ist schon die Startaufstellung vorgesehen.

Auf dem regennassen Parkplatz breiten wir unsere Picknickdecken aus und frühstücken ausgiebig. Also so ausgiebig wie man eben mitten in der Nacht so frühstückt. Also eigentlich gar nicht, aber irgendwo muss die Energie ja herkommen, wenn auch nicht aus dem schwächelnden Körper.

Mittlerweile füllt sich der Parkplatz und das Renn-Kribbeln kommt zurück. Trikot an, Startnummer ans Rad und auf geht’s zum Warmfahren. Während ich so meine Runden drehe habe ich einen tollen Blick auf das Gelände: die Bike-Expo, die Seilbahn, die nebeligen Wälder rings um Willingen. Es hat in der Nacht ordentlich geregnet, doch bereits jetzt deutet sich an, dass es ein schwül-warmer Tag werden wird.

Das riesige Starterfeld des größten Marathons in Deutschland ist in vier Startblöcke aufgeteilt. Zuerst starten A und B, dann eine halbe Stunde später C und D. Meine Startnummer verrät allen nicht nur meinen Namen, meine Nationalität und mein Team, sondern auch dass ich das Privileg habe, im Startblock A zu starten. Im letzten Jahr stand ich im Startblock B, von wo aus ich einen ehrfürchtigen Blick auf die Starter des ersten Startblocks geworfen habe. Und jetzt stehe ich hier, mit den echten Stars der Marathonszene und fühle mich etwas fehl am Platz. Gott sei Dank habe ich, wie durch Zufall bei den sanitären Anlagen, meine Mitfahrerin Dani getroffen, die nun neben mir im sich füllenden Startblock steht. Als wir uns in die Startzone begaben gingen wir davon aus, nun am relativen Ende von Startblock A zu stehen. Nur leider kam gut die Hälfte der Starter erst nach uns und stellte sich hinter uns auf. Schlussendlich standen wir also irgendwo im vorderen Drittel des stärksten Startblocks. Oha.

Für mich kam heute ohnehin nur die „Kurzstrecke“ in Frage. 54 Kilometer, fast 1500 Höhenmeter. Im Sauerland ist jeder normale Mountainbikemarathon schon krass, aber Willingen ist auf vielerlei Weisen legendär.

Noch eine Minute. Die Musik wird lauter, epischer, mitreißender. Ich habe bestimmt bereits jetzt einen 120er Puls. Noch 30 Sekunden. Oh Gott, was tue ich hier. Noch 10 Sekunden. Einklicken. Und los. Erstaunlicherweise kommen wir wirklich gut weg und erreichen nach der ersten Abfahrt in die Stadt sicher den ersten Anstieg. Jetzt heißt es nicht zu schnell, aber so zügig wie möglich durchkommen.  Die Taktik von Dani und mir ist simpel: Zusammenbleiben und Kräfte aufteilen.  Und das läuft am Berg Bombe.

Die erste Abfahrt kommt viel zu früh in Sicht, denn das Feld ist immer noch sehr dicht. Ich sehe vor mir einen Sturz, der mir die Haare zu Berge stehen lässt. Ganz ruhig. Doch dann werde ich unsanft überholt, selbstverständlich ohne Ansage. Der Fahrer streift meinen Arm, bleibt an meinem Lenker hängen und geht über den Lenker. Ich strauchle natürlich auch und mache eine Vollbremsung, um den Gestürzten nicht zu überrollen. Statt mich zu fragen, ob ich vielleicht verletzt bin oder sich gar zu entschuldigen, rennt der Fahrer einfach drauf los und springt wieder auf sein Rad. Na vielen Dank. Dieses Manöver hat Zeit und Nerven gekostet. Dani wartet an der nächsten Ecke auf mich und gemeinsam geht es weiter. Bis zum nächsten Downhill. Wieder werde ich ohne Ansage überholt, wieder erwischt der Fahrer mich, wieder straucheln wir, diesmal beide mit Bodenkontakt. Diesmal kann ich mich nicht zurück halten und fluche laut drauflos. Gegen das Überholen an sich ist natürlich nichts einzuwenden, aber ohne Ansage und an den steilsten Stellen ist es meiner Meinung nach einfach nur eine Gefahr für alle Beteiligten. Ich bin schon jetzt bedient von jedem abschüssigen Trail und von der Startermasse, die absolute Konzentration erfordert. Und am nächsten Anstieg kommt dann das eigentliche Problem zum Vorschein: Ich bin einfach noch nicht wieder fit. Mir fehlt die letzte Kraft, um mich heute durchzubeißen. Zudem habe ich die Startliste gesehen und weiß: bei dieser (internationalen) Konkurrenz ist heute ohnehin nichts zu machen. Deshalb schalte ich vom Renn- in den Überlebensmodus.

Es geht weiter. Berg hoch, Berg runter, über Straßen, Forstautobahnen und viele feuchte Trails. Dani und ich haben ein fast völlig identisches Tempo und passen uns automatisch an den jeweils anderen an. So tauschen wir neben Motivationen, Flüchen und Kilometerständen auch einfach Persönliches aus.

Nach 27 Kilometer erwartet uns am Edersee die Verpflegungsstation, wo wir uns im Vorbeifahren einen Becher Iso in die Hand drücken lassen. Auf geht’s in die zweite Streckenhälfte. Dank unserer guten Einteilung haben wir noch genug Kraft und kommen weiter gut voran. Kurz vor Kilometer 30 taucht dann allerdings das nächste Problem auf. Mein Bautenzug ist gerissen, sodass ich nur noch sehr begrenzt Zugriff auf meine Schaltung habe. Na toll, und das auch noch im höhenmeterlastigen Sauerland.  Allein wäre spätestens hier, demoralisiert, schwächelnd und nun auch noch technisch eingeschränkt, Schluss gewesen. Aber diese Rechnung habe ich ohne Dani gemacht, die mich auf jeden Fall mit über die Ziellinie schleppen will. Also fahren wir weiter. Auf den wenigen flachen Abschnitten, wo man so schön Tempo machen könnte, muss ich mit einer gefühlt 2000er Trittfrequenz irgendwie voran kommen, dafür läuft es am Berg immer noch ganz gut.

Als dann endlich die Skisprungschanze in Sicht kommt, sind wir dann aber doch am Ende. Der letzte Anstieg hoch in den Downhillpark steht an. „Los, nochmal Gas geben“ rufen die Zuschauer uns aufmunternd zu. Gas geben?? Nicht absteigen und schieben oder nicht umfallen sind eher meine Ziele. Doch wir schaffen es. Dank Danis unbändigen Optimismus. Und da ist es: Das Ziel. Wir rollen gemeinsam in den Zielbereich, Hand in Hand natürlich und feiern uns, als hätten wir gerade den Weltcup gewonnen.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht mehr auf die Ergebnisliste schauen, um mich nicht total zu demotivieren. Tue ich aber dann doch. Insgesamt hat es bei mir heute für Platz 17 bei den Frauen gereicht. Klingt erstmal grausam, aber von 102 Frauen, die teilgenommen haben, ist das eigentlich ziemlich gut.  Die Beine waren gut, die Ausdauer ist auch da, aber die Kraft lässt zu wünschen übrig, was der zeitlich unpassenden Mandelentzündung geschuldet ist. Mir hat einfach noch die Power gefehlt, die man für ein Rennen braucht. Die Explosion nach dem Kribbeln am Start.

Aber die Saison ist ja noch lang. Jetzt heißt es voll auskurieren und trainieren, trainieren, trainieren.
 
An dieser Stelle möchte ich nochmal Danke sagen. Danke an Dani, die mich ins Ziel motiviert hat. Es hat wieder sehr viel Spaß gemacht mit dir zu racen! Danke an Vanessa für die lieben Worte und Aufmunterungen!
Und danke an meinen allerliebsten Lieblingsmenschen für die Rennbetreuung!

Keep on riding,

Evelyn

Zitate des Tages:

"Oh schau mal, ein Insektenhotel!
- so ist es richtig, wir freuen uns auch über die kleinen Dinge im Leben!"

"Da ist er wieder, der Spiderman! Kannst du auch nicht mehr oder atmest du immer so?"

"Wo ist denn hier mein technischer Support?" 










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